Gottesdienst am 19. Juli 2020, in Weilstetten

Gottesdienst am 19. Juli 2020, in Weilstetten
Schriftlesung: 5. Mose 34,1-4 – kurz vor seinem Tod besteigt Mose den Berg Nebo

Liebe Gemeinde,
Image40 Jahre Wüstenwanderung liegen hinter Mose. Nach einem langen, mühsamen und weiten Weg steigt Mose auf den Berg Nebo. Das ersehnte Land der Freiheit wird er nicht mehr betreten, aber er wird einen Blick auf das Land werfen. Vor seinem Tod segnet er noch das Volk Israel, mahnt sie, die Gebote zu halten, damit sie lange im verheißenen Land leben werden. Letzte Worte, segnend, mahnend, das Vermächtnis des Mose. Den Blick in die Zukunft, in das verheißene Land gerichtet.
Vielleicht ungefähr 1000 Jahre später richtet Paulus den Blick in die Zukunft, in das weite Land der Verheißungen. Vermutlich ahnt auch er, dass seine Lebenszeit begrenzt ist. Vor sich hat er einen sehr gefährlichen Weg in das Pulverfass Jerusalem, wo er neben Freunden auch viele Gegner hat. Er schreibt einen Brief an die Gemeinde in Rom. Dieser Brief wird oft auch als das Testament von Paulus bezeichnet. Noch einmal fasst er seinen Glauben zusammen in einer Tiefe und mit einem Weitblick, der die vorangehenden Briefe noch einmal übertrifft.
Paulus treibt eine Frage um: Als Paulus in Damaskus Christus begegnet ist, da hat das sein Leben grundlegend verändert. Es war eine befreiende Erfahrung der Gnade Gottes. Vorher hat er die Christen verfolgt. Christus bzw. die Christen waren seine Gegner. Dann begegnet er Christus und macht eine tiefe, befreiende Erfahrung der Gnade. Christus begegnet gerade ihm, seinem Feind, im Licht der Gnade und Güte. Die Begegnung mit Christus war für wie ein großes unverdientes Glück! „Wenn Gott so für uns ist,“ kann Paulus später sagen, „wer will da noch gegen uns sein?“ Gegen das, was uns bedrängt, Angst oder ein schlechtes Gewissen macht stellt sich Christus auf unsere Seite. „Wir sind frei“, hat Paulus erfahren. Christus macht uns frei. Und Paulus drängt es diese Erfahrung weiterzugeben. Er möchte anderen Menschen an seinem neuen Blick auf das Leben Anteil geben.
Aber, er muss immer wieder erfahren, die Begeisterung springt nicht über. Und besonders zu schaffen hat es ihm gemacht, dass es nur wenige aus seinem Volk waren, die sich begeistern ließen. Warum nur? Ihnen gehört doch von Anfang an die Verheißung.
Im Römerbrief nimmt sich Paulus für diese Fragen Zeit. Er schreibt nicht so sehr unter dem Druck eines brennenden Konfliktes wie in den anderen Briefen. Wie auf einem hohen Berg geht sein Blick in die Weite, er überblickt größere Zeiträume, blickt in die Vergangenheit und Zukunft.
Paulus blickt zurück auf die letzten Jahre seiner Wirksamkeit. Viele Menschen ließen sich von der befreienden Erfahrung des Glaubens anstecken. Viele Menschen seines Volkes nicht. Könnte da nicht ein Zusammenhang bestehen, ein heilvolles Handeln Gottes? Ist Paulus nicht gerade deshalb so unermüdlich auf alle Menschen zugegangen, weil er bei seinem Volk wenig Erfolg hatte. Im Rückblick kann Paulus hier eine heilvolle Spur von Gottes Wirken erkennen. Aber dann, wenn die Ablehnende Haltung vieler Juden Gottes Heilsplan entspricht, kann Gott doch nicht Israel, sein auserwähltes verstoßen.
Und dann sagt Paulus einen Satz, der ist der Hammer: Alle, Juden und Heiden, werden am Ende Gottes Erbarmen finden. Alle hat Gott in ihrem Unglauben verschlossen, um sich ihrer aller zu erbarmen. Eine Weite des Erbarmens, die sich nur an wenigen Stellen in der Bibel so findet. Aber sie entspricht der Erfahrung von Paulus. Obwohl er die Gemeinde verfolgt hat, obwohl er ein Feind der Sache Jesu war, hat er Gnade gefunden. Die Gnade ist stärker als der Unglaube der Menschen, so hat es Paulus erfahren. Doch hören wir diesen besonderen Predigttext aus dem Römerbrief im 11. Kapitel. Er ist eigentlich im Sommer dran, aber da haben wir Sommerpredigtreihe, deshalb habe ich ihn heute vorgezogen:

Hier können Sie folgenden Predigttext lesen: Römer 11, 25-35
Liebe Gemeinde,
wirklich große, ja gewagte Gedanken, die Paulus hier ausspricht. Meint er wirklich alle? Oder meint er alle Juden aber nicht alle Menschen? Das wird immer wieder diskutiert. Ich glaube, dass Paulus hier keinen Unterschied macht. Jesus stirbt sogar für den Gottlosen, schreibt Paulus an einer früheren Stelle im Römerbrief. Ich glaube er meint hier wirklich Alle.
Was ist dann aber mit den Tyrannen? Wir kennen sie auch aus unserer Geschichte zu genüge und Paulus kannte sie auch. Wird denen, die unzählige Menschen grundlos zu Tode gequält haben auch vergeben? Was ist mit den Opfern? Wo bleibt dann die Gerechtigkeit, wenn Gott sich aller erbarmt?
Wir können das nicht wissen. Das ist eine Frage, die über unser Verstehen geht. Paulus spricht von einem Geheimnis. Er sieht weit, bis an das Ende der Zeit. Wir werden alle vor dem Richterstuhl Christi stehen, schreibt Paulus auch im Römerbrief. Alles wird von ihm gesehen. Liebe und Herzenshärte, Recht und Unrecht.
Für Paulus gilt beides: Es wird einmal Gerechtigkeit geben. Es wird einmal Gottes Erbarmen alles in allem sein. Wie Gott das macht, das übersteigt unser verstehen. Paulus spricht von einem Geheimnis. Er sagt, Gottes Wege sind unerforschlich, wir können sie nicht verstehen.
Paulus traut der Barmherzigkeit viel zu. Schließlich hat er sie als Kraft erfahren, die ihn befreit, sein Leben verändert hat. Immer wieder beruft er sich darauf: was ich sage, sage ich nicht einfach von mir, ich habe es aus der Begegnung mit Christus, dem Auferstandenen erfahren.
Paulus steigt im Bild gesprochen wieder von seinem Berg herab. Er hat wie Mose, weit in das Land der Verheißung und in das Land der Freiheit gesehen. Das wird ihn gestärkt haben für den Weg, der vor ihm liegt. Vor ihm liegt ein schwerer Weg, es wird ein langer Weg sein, der ihn bis nach Rom führt, es wird sein letzter Weg sein.
Auch wir kehren zurück in unseren Alltag. Mit Paulus durften wir einen Blick werfen in das weite Land von Gottes Verheißung. Wir sind noch nicht dort, aber immerhin, es war ein Blick in die Freiheit, in das Herz Gottes. Vor uns liegt der Weg in eine neue Woche. Wir werden versuchen eine gute Spur zu hinterlassen, Wunden zu heilen, Zeugen der Liebe Gottes in dieser Welt zu sein. Wir gehen unterschiedliche Wege, leichtere, schwerere, manche vielleicht in Angst vor Krankheit oder Tod. Aber wir dürfen unseren Weg gehen in der großen Hoffnung, dass Gottes Liebe einmal alles in allem sein wird. Wir sind mit Paulus einen Augenblick auf dem Berg gestanden und haben das verheißene Land gesehen. Unser Weg ist ein Heimweg.
Amen


Der Fischzug des Petrus. Predigt am 12.7.2020

Predigttext: Der Fischzug des Petrus: Lukas 5,1-11
Liebe Gemeinde,
1. einer der ganz bekannten Bibeltexte ist unser heutiger Predigttext. Eine Geschichte, die uns in besonderer Weise etwas von der Freiheit und Weite von Jesu Geist zeigt. Sie wird in der Wissenschaft als Sondergut bezeichnet, das heißt, sie ist nur im Lukasevangelium überliefert. Zum Glück, möchte man sagen, der Bibel würde eine doch sehr schöne und starke Erinnerung an Jesu Wirken fehlen.
Schon der äußere Rahmen der Geschichte, das Bild, das sie uns vor Augen malt, ist ein Bild voller Weite und Naturschönheit. Sie führt uns an den See Genezareth, einen wunderschönen großen See, umgeben von Bergen, Pflanzen, Bäumen und kleineren Orten. Am Ufer des Sees liegen zwei Boote.
2. Es ist aber nicht alles gut in unserem Predigttext. Das Leben wird nicht schöngefärbt. Menschen bedrängen Jesus. Sie haben wohl gehört, hier lehrt einer mit Kraft, mit Vollmacht, wie es im Evangelium heißt, hier finden wir Worte, die wahr sind, die uns das Leben zeigen, die uns Gott zeigen. Und sie bedrängen ihn, wörtlich, sie stehen auf ihm. Jesus weicht  in eines der Boote aus und bittet den Fischer, es ist Petrus, etwas auf den See hinauszufahren. So lehrt Jesus vom See aus, im Bild gesprochen auf schwankendem Boden. Von den Menschen gesucht und verehrt, bald schon verstoßen. Jesus steht auf schwankendem Boden. Der weite Weg Jesu bereits bildhaft angedeutet.
3.Aber so weit sind wir noch nicht. Jetzt beginnt die eigentliche Geschichte, die Berufung von Petrus. Jesus trifft Petrus an einem kritischen Punkt. Er hat nichts gefangen, die ganze Nacht gearbeitet, es war umsonst. Nachts arbeiten kann schon hart genug sein. Menschen die damit Erfahrungen haben, können davon erzählen. Das zehrt an der Seele. Aber noch härter ist: es war alles umsonst. Wer tags arbeitet und so etwas erlebt, findet nachts auch keinen Schlaf. Und Petrus muss jetzt nach Hause und steht mit leeren Händen da. Wieder nichts.
Wir können uns vorstellen, die innere Seelenlage von Petrus war am Tiefpunkt. Dort, am Tiefpunkt, kommt nun die Wende.
4. „Wirf die Netze noch einmal aus.“ Das hat Petrus nicht erwartet. „Das ist völliger Quatsch! Das macht kein Fischer am helligen Tage. Damit blamiere ich mich bis auf die Knochen. Aber ich mache es doch, weil du es sagst.“ Das hat Petrus so nicht gesagt, aber wohl als erfahrener Fischer gedacht.
Warum macht es Petrus dann? Er muss etwas geahnt haben. „Das hier ist ein besonderer Moment, ein besonderer Mensch, ein einmaliger Augenblick in meinem Leben. Jetzt nicht kneifen. Jetzt ist die Stunde der Wahrheit, die Stunde der Freundschaft, die Stunde der Entscheidung. Das darf ich nicht verpassen.“  Er war unsicher, aber ich denke, so eine Ahnung hat er gehabt, sonst hätte er es nicht getan.
5. Dann der wunderbare Fang. Dargestellt auf unzähligen Gemälden und Bildern. Eines der Bilder, das sich einprägt, wenn man die Geschichte hört. Die Netze reißen. Ein Bild überbordender Fülle. Da reißen die engen Grenzen. Lebensgrenzen, innere und äußere Grenzen, Grenzen um unser Herz. Die Geschichte ist voller Bilder, Lebensbilder.
Eigentlich geht es nur vordergründig um die Fische. Petrus wird diesen Beruf aufgeben. Reale Fische werden in seinem Leben keine Rolle mehr spielen. Es geht um die Fülle, die wir bei Jesus finden. „Ich bin gekommen, um die Gefangenen, die Zerschlagenen frei zu machen“, hat Jesus kurz zuvor in der Synagoge gesagt. Die Fische, ein Bild für das Leben, die Freiheit, die Lebensfülle, die wir bei Jesus finden.
6. Petrus weicht zurück. Er sagt: „Ich bin ein sündiger Mensch“. Ein Schrecken hat ihn erfasst. Das erinnert an die Berufung Jesajas, der in einer Vision dem Heiligen begegnet und sagt: „Weh mir, ich vergehe, denn ich bin unreiner Lippen.“ Mose darf Gottes Angesicht nicht sehen, sonst würde er sterben. Die Begegnung mit Gott, mit dem Heiligen ist für die Menschen nicht harmlos. In der Begegnung mit dem Vollkommenen erkennen sie die eigene Unvollkommenheit, das Bruchstückhafte auch Falsche ihres Lebens. Petrus ist kein schlechter Mensch, aber jetzt, in der Begegnung mit Jesus, sieht er sich in einem ganz anderen Licht, ein Schrecken erfasst ihn.
Wir erschrecken heute kaum noch vor Gott oder dem Heiligen. Die eine, große Furcht ist eher vielen Ängsten gewichen: der Angst um unser Ansehen, unsere Anerkennung, unseren Beruf, unseren Besitz, unsere Gesundheit, der Sorge, ob wir mithalten in einer immer schnelleren Welt, der Sorge um die vielen Dinge, die noch zu erledigen sind.
7. „Fürchte dich nicht!“ sagt Jesus. „Keine Angst“, das Grundwort von Jesu Leben. „Fürchte dich nicht“ sagen die Engel bei seiner Geburt, sagt Jesus bei der Berufung der Jünger, sagt er den Jüngern im lebensbedrohlichen Sturm auf dem See, sagt der Auferstandene und seine Engel.
Wenn wir Jesus nachfolgen, dann gilt es dieses Wort immer wieder zu hören. Wir können ihn hören als innere Stimme, die sagt: „Keine Angst, ich bin da. Ich schenke dir Leben. Lebensfülle, die die viel zu engen Netze, die du dir um dein Herz gelegt hast, zum Reißen bringt. Leben ohne Angst.“
Und dann der entscheidende Satz: Petrus verlässt alles. Im griechischen klingt es noch klarer: Das Wort „aphiemi“ bedeutet zurücklassen, loslassen, sich nicht mehr darum kümmern. Manchmal müssen wir loslassen, wenn wir wirklich leben wollen, wenn wir an der Freiheit Jesu teilhaben wollen. Manchmal, in der Stunde der Entscheidung, müssen wir loslassen: Ängste, Sorgen, festgefahrene Gedanken, Sorgen um Ansehen und Besitz, wir müssen loslassen, wenn wir frei sein wollen.
Gottesdienst heißt Unterbrechung. Wir lassen unsere Arbeit, das Alltagsgeschäft los. Wie Petrus. Aber einen Unterschied gibt es: Petrus kehrt nicht wieder in den Alltag zurück, wir kehren zurück. Immerhin, seine Frau wird Petrus später auf seinen Missionsreisen begleiten. Sie hat er also nicht einfach verlassen.
8. Jesus hat das nicht von allen verlangt: Alles aufgeben, alles verlassen. Aber der Ruf in das Leben, in die Freiheit, gilt allen Menschen. Er sagt: Gib auf, was dich einengt, lass los was dich bindet. Ansehen, Besitz, mache dich davon unabhängig. Sie bestimmen nicht deinen Wert. Wichtig ist, dass du meine Stimme hörst.
Petrus soll Menschen fischen. Das heißt bei Jesus nicht einfangen, sondern in die Freiheit führen, die Netze zum reißen bringen durch die Fülle des Lebens, die wir finden, wenn wir das, was uns ängstigt, loslassen. Menschen fischen heißt Menschen weitergeben, dass sie Kinder Gottes sind. So entsteht ein neues Netz, die Gemeinschaft der Kinder Gottes. Eine freie Gemeinschaft, in der nicht einer den anderen bedrängt, nicht Druck von oben nach unten oder unten nach oben herrscht, sondern geschwisterliches Miteinander. Eine Gemeinschaft, in der immer unwichtiger wird, was einer hat, weiß oder kann. Wichtig ist, dass jeder ein Kind Gottes ist. So entsteht geschwisterliche Gemeinschaft, die stärkt und Angst abbaut. Das volle Netz, ein Bild für die gute Gemeinschaft und die Freiheit der Kinder Gottes.
9. Für Petrus war es der entscheidende Tag. Und doch sollten noch viele Entscheidungen, viele Schritte, Fehltritte und Irrtümer folgen. Der Weg ins Leben, in die Freiheit ist nicht mit einem Schritt getan.
Bei uns, die wir anders als Petrus wieder in den Alltag zurückkehren, gilt das noch mehr. Es ist zumeist nicht die eine große Entscheidung, sondern immer wieder neu gilt es auf Jesu Ruf zu hören: „Keine Angst. Folge mir.“ Immer wieder gilt es loszulassen, Sorgen, Gedanken, die viel zu eng um unser kleines Leben kreisen, Ängste, große und kleine. Wir kriegen sie nicht einfach los. Mit manchen leben wir. Es ist vielmehr immer wieder neu die Entscheidung:   Welche Sorgen kann ich lassen oder vielleicht kleiner werden lassen, um für die wirklich großen Aufgaben Kraft zu haben, damit mein Leben ehrlicher, sinnerfüllter wird und sich nicht in 1000 Kleinigkeiten verliert.
10. Frere Roger, der Gründer des Taizé Ordens, der wie Petrus ein Leben ohne Besitz in unbedingter Nachfolge gewählt hat, sagte: Das Leben in der Nachfolge ist ein immer neues vereinfachen des Lebens. Unnötige Lasten ablegen um für das, was das Leben mir auflegt, frei zu sein. Jeder, der Eine klarer, der Andere unsicherer, kann den Ruf Jesu hören: Keine Angst, ich bin bei dir. Auf dich habe ich meine Freude gelegt. Und eines dürfen wir wissen: Unsere Zweifel trennen uns nicht von der Liebe Jesu. (Frei nach der Regel von Taizé)
Liebe Gemeinde, die Weite am See Genezareth ist ein schönes Bild für die Weite, die uns Gott zugedacht hat. Wir werden dem Ruf Jesu nicht immer gerecht. Aber wir dürfen immer wieder neu auf ihn hören und die Schönheit und Weite des Lebens schmecken, die er uns zugedacht hat und die uns einst erwartet. Amen

Predigt Micha 7/ 3. Sonntag nach Trinitatis

3. Sonntag nach Trinitatis
Wochenspruch: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Liedvorschlag: EG 421: Es wird sein in den letzten Tagen

Liebe Gemeinde,
der Prophet Micha konnte den Finger in die Wunde legen. Mit klaren und mit harten Worten hat er reiche Grundbesitzer und die Oberschicht in Jerusalem wegen Raub, Korruption und Betrug angeklagt: ihr reißt Felder und Häuser an euch und vertreibt daraus Frauen und Kinder. Die Priester lehren für Lohn und die Propheten für Geld. Ihr bereichert euch durch Betrug, durch falsche Mengenangaben. Die Eliten sind korrupt und die Armen leiden darunter bis auf die Knochen. Das Gericht aber wird kommen und es wird alle treffen, Jerusalem wird zum Steinhaufen.
Jerusalem wird zum Steinhaufen, Micha hat das nicht mehr erlebt, der damalige König Hiskia konnte sich der drohenden Eroberung durch die Assyrer noch durch hohe Zahlungen entziehen. Aber rund 100 Jahre später war es so weit: die Babylonier eroberten Jerusalem und ließen tatsächlich keinen Stein auf dem anderen. Die Oberschicht wurde nach Babylon gebracht. Micha hat es nicht mehr erlebt, aber seine Worte wurden weitergegeben: sie hatten sich als wahr erwiesen.
Und dann noch einmal mehr als hundert Jahre später, inzwischen waren die Babylonier durch die Perser und diese wohl schon durch die Griechen abgelöst. Inzwischen waren viele, sicher nicht alle, Gefangenen wieder zurückgekehrt. Die Rückkehr war lange nicht so glanzvoll wie im Exil erhofft. Also noch einmal mehr als hundert Jahre nach der Zerstörung Jerusalems machte sich wieder ein Prophet daran das Prophetenbuch abzuschließen. Es war ein Nachfolger des Propheten Micha, einer, der das Buch in seinem prophetischen Geist zum Abschluss bringen sollte. Erstaunlich ist, was er schreibt, am Ende eines Buches voller Anklagen: Hören wir den Predigttext, ganz am Ende des Buches des Propheten Micha im 7. Kapitel:
Aus dem Buch des Propheten Micha im 7. Kapitel
„Wer ist ein Gott wie du, der Vergehen wegträgt, an Aufsässigkeit vorübergeht beim Rest seines Eigentums! Nicht hält er seinen Zorn für immer fest, denn er ist einer, der Güte liebt. Er wird sich unser nochmals erbarmen, er wird unsere Vergehen zertreten. Du versenkst in die Tiefen des Meeres alle unsere Verfehlungen. Du wirst Jakob die Treue schenken und Abraham die Güte, die du unseren Vätern geschworen hast seit den Tagen der Vorzeit.“
Liebe Gemeinde,
nach dem Anschlag auf das Bataclan bei einem Konzert in Paris schreibt eine Überlebende: Neu dazu gekommen sind Schuldgefühle. Warum habe ausgerechnet ich überlebt? Ich engagiere mich deshalb in einem Überlebenden- und Opferverband. Das hilft anderen- und mir.
So geht es wohl vielen, die eine Katastrophe überlebt haben. Warum gerade ich? So ging es Überlebenden von Ausschwitz, so ging es wohl den Juden, die damals die Zerstörung Jerusalems, Deportation und Exil überlebt hatten.
Der Prophet sagt Vergebung zu: Gottes Zorn hält nicht ewig. Und dann ein einfacher Satz wie aus dem Herzen Gottes gesprochen: Er hat Gefallen an Gnade.
Das Wort, das zumeist mit „vergeben“ übersetzt wird heißt im hebräischen original „nasa“. Das hat die Grundbedeutung aufheben, wegtragen. Ein körperlich anstrengendes Geschehen ist gemeint. Vergebung ist nicht selbstverständlich, ist nicht leicht, erst recht nicht für Gott, wenn sein Volk darunter bitter leiden muss wie zur Zeit Michas. Das gleiche Wort wird verwendet, als Josef den Brüdern vergibt, die ihn nach Ägypten verkauft hatten – Vergebung ist weder einfach noch selbstverständlich, Gott vergibt.
Er geht, heißt es dann weiter „vorüber“ an unserer Schuld. „Abar“, heißt es im hebräischen. Vorübergehen. Eine körperliche Bewegung wie „nasa“ aufheben. Vergebung ist Arbeit. Gott geht vorüber, wir können das so verstehen:  die Schuld bleibt, Schuld bleibt Schuld, sie wird durch Vergebung nicht ungeschehen gemacht, aber sie hat für Gottes Handeln in der Zukunft keine Bedeutung mehr. Gott hat gefallen an Gnade.
ImageDer Prophet schließt das Buch Micha, in dessen Mitte immer wieder harte Anklage zu lesen ist, mit dem Zuspruch der Vergebung ab. Das hat der Prophet sicher nicht leichtfertig getan. Ich stelle mir vor, er hat immer wieder die Worte des alten Propheten Micha studiert, in sich bewegt und überlegt, wie er ein solches großes Buch zum Abschluss bringen könnte. Sicher hat er sich dabei erinnert, an die Katastrophen, Eroberung und Deportation. Sicher hat er dabei die Stadt Jerusalem vor sich gesehen, ihre große Geschichte, ihren tiefen Fall, den Wiederaufbau des Tempels, der lange nicht so glanzvoll war wie erwartet. Und viele der Probleme, die der Prophet Micha angeklagt hatte, sind wieder zurückgekehrt. Es gab neue Spannungen zwischen denen, die aus dem Exil zurückgekehrt waren und den dagebliebenen. Und wieder ging es um das alte grundmenschliche Thema: Gerechtigkeit!
Vielleicht hat der Prophet zu sich gesagt: Ja, Micha, deine harten, anklagenden Worte gegen das Unrecht, sie sind auch heute noch wahr, sie behalten ihre Gültigkeit. Aber auch das gilt: Wir leben. Gott hat uns aus Ägypten geführt, Gott hat uns durch das Tränental der Deportation geführt. Gott ist ein Gott, der sich unser immer wieder erbarmt, er ist ein Gott, der Gnade liebt. Schon unsere Väter haben gewusst, noch über Gottes Zorn steht Gottes Gnade. Und so schreibt er den Schluss des Buches Micha. Hören wir noch einmal einige Verse:
„Wer ist ein Gott wie du, der Vergehen wegträgt, an Aufsässigkeit vorübergeht beim Rest seines Eigentums! Nicht hält er seinen Zorn für immer fest, denn er ist einer, der Güte liebt. Er wird sich unser nochmals erbarmen, er wird unsere Vergehen zertreten. Du versenkst in die Tiefen des Meeres alle unsere Verfehlungen.“
Liebe Gemeinde,
in dieser Zeit, vielleicht nicht viel mehr als dreihundert Jahre bevor Jesus geboren wurde, ist in Israel viel geschehen: Nicht nur das Buch des Propheten Micha, viele Bücher des Alten Testaments bekamen die Gestalt, die wir kennen. Der jüdische Glaube bekam die Gestalt, wie sie Jesus später als seine geistige Heimat kannte.
Durch Leiden und Kampf findet der Glaube in Israel zu neuer Tiefe und Kraft. Ich finde das sehr hoffnungsvoll. Roger Schütz, der Gründer von Taizé sagt: Fürchte dich nicht vor dem Leiden. „Denn oft wird gerade in der Tiefe des Abgrundes die Vollendung der Freude in der Gemeinschaft mit Jesus Christus geschenkt.“
Nicht immer ist das so. Immer wieder zerbrechen wir auch an dem Leid. Manchmal macht es uns hart. Kein Mensch kann über einen anderen urteilen. Niemand kann die Tiefe des Abgrundes eines Anderen ergründen.
Am Ende des Vaterunsers steht die Bitte: Führe mich nicht in Versuchung: Ich glaube das bedeutet auch: Führe mich durch das Leiden und durch die Abgründe des Lebens hindurch. Stehe mir bei, dass meine Seele nicht hart wird, dass sie keinen Schaden nimmt. Du hast mir zugesagt, dass du in allem, was da noch kommt, bei mir sein wirst und mein Herz bewahren wirst. Darauf will ich vertrauen. Hilf mir, dir zu vertrauen. Und hilf mir, dass ich nach jedem schweren Weg wieder das Licht deiner vergebenden Liebe sehen darf. Auch wenn ich auf diesem Weg etwas falsch gemacht habe. Denn du bist ein Gott, der gefallen hat an Gnade. Amen

 


Predigt für den 2. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Gemeinde,
langsam atmen wir auf. Das Schlimmste scheint hinter uns. Eltern, die nicht wussten, wie sie Beruf und Familie in Einklang bringen sollten, Seniorinnen und Senioren, die von Ihren Angehörigen getrennt waren, Menschen, die um ihren Beruf gebangt oder bis an die Grenze der Belastbarkeit gearbeitet haben, dürfen aufatmen. Natürlich, es gibt keine Garantie, dass es so weitergeht, aber zumindest dürfen wir in dieser Pandemie gerade durchatmen.
Manche werden vielleicht auch etwas wehmütig zurückschauen. Für sie war diese Zeit eine plötzliche Entschleunigung in einem viel zu schnellen Hamsterrad.
Nach einer Studie gehört Stress für rund zwei Drittel der Menschen zum Berufsalltag. Und Baden Württemberg gehört nach dieser Studie in Sachen Stress ganz nach vorne.
Endlich durchatmen konnten manche in den letzten Wochen, ja, die Natur konnte durchatmen, aber jetzt geht der Stress wieder los. Das ist wohl für viele das Lebensgefühl. Unser heutiger Predigttext lädt uns ein nochmal durchzuatmen.

Er steht im Matthäusevangelium im 11. Kapitel:
Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater. Und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater, als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid: ich will euch erquicken. (Erquicken, kann mit durchatmen, eine Pause machen übersetzen!)
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Liebe Gemeinde,
auch zur Zeit Jesu gab es Stressmacher. Solche hat wohl Jesus hier im Blick. Wie in unserer Zeit gab es den Druck ständiger Selbstoptimierung. Es ging darum im Sinne der Gebote ein gutes Leben zu führen. Eigentlich nichts Schlechtes. Aber nicht alle konnten dem Anspruch gerecht werden. Der hohe moralische Anspruch spaltete die Gesellschaft in Sünder und Gerechte. Und es gab Menschen, die religiöse Oberschicht, die den Druck erhöhten und auf die herabsahen, die es nicht schafften.
Jesus machte sich bei diesen unbeliebt, ja verhasst, weil er mit den Gescheiterten, den Sündern, Gemeinschaft pflegte. Er feierte mit ihnen, sprach ihnen zu, Kinder Gottes zu sein. Von seinen Gegnern wurde er dafür als Fresser und Weinsäufer beschimpft. Jesus stand auf der Seite derer, die mit der Selbstoptimierung im damaligen Sinn nicht zurechtkamen.
Selbstoptimierung heute heißt sich verbessern im Beruf. Wer sich nicht weiterbildet, weiterentwickelt wird leicht abgehängt. Nicht Schriftgelehrte und Pharisäer treiben uns. Aber wir besuchen Fortbildungen, lassen uns coachen, vergleichen unsere Karriere mit der von Anderen.
Diese Selbstoptimierung ist im System unserer Arbeitswelt begründet: das marktwirtschaftliche Denken ist auf Wachstum angelegt. Wo ist noch mehr möglich, wo fehlt noch etwas? Dabei rückt der Mangel in den Blick: wo könnte man noch etwas verbessern, einen Mangel beheben.
Aber nicht nur äußerer Druck beherrscht uns, sondern auch innere Antreiber. Soziologen sprechen von der Tyrannei des gelingenden Lebens: Selbstoptimierung, Selbstdarstellung, aber auch Selbstverwirklichung sind Stressmacher unserer Zeit.
„Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir“, sagt Jesus. Das Joch wurde Zugtieren aufgelegt, damit sie Lasten ziehen konnten. Jesus verspricht also kein Leben ohne Last. Aber er verspricht ein Leben das leichter ist als unter dem moralischen Druck der damaligen Zeit und wir können für unsere Zeit hinzufügen: Er verspricht ein Leben, das leichter ist, als unter dem Druck ständiger Selbstoptimierung in unserer Zeit.

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid“ das ist der erste Satz, den Jesus sagt. Das erste ist nicht die Forderung. Das erste ist die Einladung. Diese Reihenfolge begegnet uns bei Jesus immer wieder. Erst die Zusage, die Einladung. Dann erst der Auftrag.
Diese Reihenfolge ist grundlegend: Nicht der Mangel zuerst, die Selbstverbesserung, die Optimierung. Am Anfang steht die Annahme. Am Anfang steht, es ist gut so. Am Anfang steht die Annahme mit allen Stärken und Schwächen. Erstmal durchatmen: so wie ich bin, bin ich geliebt.
„Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“. Das ist das Zweite. Das ist die Aufgabe. Die Last Jesu tragen. Seine Last aber ist leicht, denn er ist sanftmütig und von Herzen demütig. Sanftmütig und demütig, das sind zwei Worte, die leicht falsch verstanden werden.
Sanftmütig ist nicht mit lasch oder schwach zu verwechseln. Es heißt eher zielgerichtet aber gewaltlos dem folgen, was das Herz sagt. So wie es Jesus bei dem Einzug in Jerusalem vormacht, als er auf einem Esel sitzend durch das Tor der Stadt reitet. Zielgerichtet reitet er nach Jerusalem, in das religiöse Zentrum Israels, mit den Zeichen der Gewaltlosigkeit. Mutig reitet er in das Zentrum, dorthin, wo ihm Gefahr droht. Dorthin, wo er seinen Auftrag vollenden wird. Sanftmütig sein: zielgerichtet aber gewaltlos dem folgen, was das Herz sagt, was mein Auftrag ist, was Gottes Wille ist.
Demütig: das ist nicht mit unterwürfig zu verwechseln. Im lateinischen Wort für Demut findet sich das Wort „humus“: Erde, Boden. Humilitas, Demut heißt Berührung haben mit dem Boden, Bodenhaftung haben. Seine Grenze kennen. Das kann eine Hilfe sein für den, der in ständiger Selbstoptimierung die Bodenhaftung verloren hat. Ihm ist gesagt: Du hast eine Grenze, die zu überschreiten unklug und ungesund ist.
Der Weg Jesu hat Bodenhaftung. Er hat nichts Abgehobenes, Kompliziertes, ist nicht etwas für Gelehrte. Was sein Weg ist, ist einfach und klar.
Der Anfang von Jesu Weg ist die Einladung, die Zusage, die Befreiung. Von ihm angenommen muss ich die Last der Selbstrechtfertigung, Selbstoptimierung und Selbstdarstellung nicht tragen. In den Augen Jesu ist das nicht wichtig. „Anapausa“,  heißt das griechische Wort, das Martin Luther mit „erquicken“ übersetzt. Ich darf eine Pause machen.
Durchatmen. Ich bin angenommen, mit allem was noch fehlt. Es ist noch nicht alles Gut, wir Menschen sind abgründige Wesen, aber Gott sagt, es ist gut. Das ist die Freiheit von der gehetzten Art. Die Freiheit meine Arbeit liebevoll und mit Sorgfalt zu machen.
„Kommt her zu mir“, die Einladung Jesu gilt allen Menschen, gilt unseren Lasten und Sorgen, der Sorge, ob ich meiner Arbeit genüge und der Sorge um meine Gesundheit, der Sorge um meine Kinder, sie gilt Menschen mit ihren großen und kleineren Sorgen. Manche Last nimmt er mir ab, anderes, was nicht so leicht abzugeben ist, hilft er mir tragen. Das erste ist die Einladung, offen und bedingungslos.
Bedingungslos, das gilt trotz der einleitenden Verse, die die Ratlosigkeit der ersten Christen spiegeln, dass nicht alle diese freundliche Einladung annahmen. Die Antwort auf diese Frage wird in den uns verborgenen Willen des Sohnes und des Vaters gelegt: „wem der Sohn es offenbaren will“.
Das erste, die bedingungslose Einladung, die Annahme, die Entlastung. Und dann, das Zweite: befreit von unnötigem Ballast tun was das Herz sagt. Die Sorge um Anerkennung und Beifall soll mich nicht umtreiben. Sie ist in den Augen Jesu unnötiger Ballast. Ich bin anerkannt durch ihn. Das genügt. So kann ich meinen Weg gehen: sanftmütig und demütig. Zielgerichtet, einfach und klar. So kann ich mit Bodenhaftung tun, was dem Leben dient.
Das leichte Joch: er befreit mein Herz aus aller Enge und Angst, damit ich befreit meinem Herzen folgen kann. So kann man den heutigen Text vielleicht zusammenfassen.
Lasten loslassen oder Lasten ihm überlassen, damit das Herz freier wird. Und dann  suchen nach dem, was Wunden heilt, was gerecht ist, was Frieden bringt zwischen den Generationen.
Ich folge der Spur Jesu, der so frei war von allem, was das Herz bindet. Mein Ziel wird am Ende nicht mehr meine Selbstverwirklichung sein. Mein Ziel wird am Ende sein, seinem Bild zu entsprechen. Damit ich frei werde zu leben und zu lieben, damit ich selbst zum Boten seiner Freiheit und Liebe werde.
Ich weiß, das wird mir nicht immer gelingen. Aber ich darf aufatmen, denn ich bin von dem berufen, der die Mühseligen und Beladenen erquickt.
Amen

In Weilstetten findet in der St. Dionysius-Kirche sonntags in der Regel um 9:30 Uhr Gottesdienst statt.


Die aktuellen Zeiten entnehmen Sie den Angaben unter "Aktuelle Termine und Gottesdienste".

Derzeit bitte mit Mundschutz kommen.

 
Das Abendmahl wird mehrmals im Jahr im Gottesdienst gefeiert. Es wird abwechselnd mit Einzelkelch und Gemeinschaftskelch, mit Traubensaft und Wein gefeiert.